
Umgang mit emotionaler Belastung im Pflegealltag
In Deutschland pflegen etwa 7,1 Millionen Menschen ihre Angehörigen zu Hause. Diese verantwortungsvolle Aufgabe ist erfüllend, kann aber zugleich zu einer enormen emotionalen Belastung führen. Stress, Ängste, Erschöpfung und innere Konflikte begleiten viele pflegende Angehörige täglich. Laut einer Erhebung der Deutschen Alzheimer Gesellschaft aus 2021 berichten rund 70 % der pflegenden Angehörigen von einem eigenen schlechten Gesundheitszustand, und fast die Hälfte leidet unter Depressionen. Diese alarmierenden Zahlen zeigen, wie wichtig es ist, sich mit dem Thema Umgang mit emotionaler Belastung im Pflegealltag zu befassen.
Dabei ist es verständlich, dass man seine Lieben bestmöglich versorgen möchte – oft mit voller Hingabe und wenig Rücksicht auf die eigene Person. Doch wenn Dauerstress und Überforderung die eigene Gesundheit gefährden, ist es Zeit gegenzusteuern. In diesem Beitrag erfahren Sie, warum die seelische Belastung in der Pflege so hoch ist, wie Sie Warnsignale einer Überlastung erkennen und mit welchen Strategien Sie ihr emotionales Gleichgewicht bewahren können. Der Artikel richtet sich an pflegende Angehörige und bietet professionelle wie empathische Ratschläge, um den Pflegealltag besser zu bewältigen.
Dabei ist es verständlich, dass man seine Lieben bestmöglich versorgen möchte – oft mit voller Hingabe und wenig Rücksicht auf die eigene Person. Doch wenn Dauerstress und Überforderung die eigene Gesundheit gefährden, ist es Zeit gegenzusteuern. In diesem Beitrag erfahren Sie, warum die seelische Belastung in der Pflege so hoch ist, wie Sie Warnsignale einer Überlastung erkennen und mit welchen Strategien Sie ihr emotionales Gleichgewicht bewahren können. Der Artikel richtet sich an pflegende Angehörige und bietet professionelle wie empathische Ratschläge, um den Pflegealltag besser zu bewältigen.
Ursachen und Auswirkungen der emotionalen Belastung
Pflegende Angehörige stehen vor vielfältigen Herausforderungen, die emotionalen Stress auslösen können. Häufig kümmern sie sich rund um die Uhr um das Wohl eines geliebten Menschen – sei es ein Elternteil, Partner oder sogar ein pflegebedürftiges Kind. Diese permanente Verantwortung führt oft dazu, dass die eigenen Bedürfnisse in den Hintergrund geraten. Man ist ständig in Bereitschaft und hat das Gefühl, immer funktionieren zu müssen. Das kann ein Teufelskreis aus Erschöpfung und Selbstvernachlässigung auslösen.
Zu den typischen Belastungsfaktoren zählen:
- Zeit- und KraftaufwandDie Pflege nimmt sehr viel Zeit in Anspruch. Im Durchschnitt wenden Hauptpflegepersonen fast 49 Stunden pro Woche für die Pflege auf. Das Vereinbaren von Pflege, Haushalt und eventuell Beruf bedeutet permanenten Zeitdruck. Körperliche Pflegetätigkeiten wie Heben, Lagern oder Waschen sind zudem kräftezehrend und führen häufig zu eigenem körperlichen Verschleiß (z.B. Rückenschmerzen oder Schlafproblemen).
- Emotionale BelastungEs ist seelisch belastend, einen geliebten Menschen leiden zu sehen oder dessen Fähigkeiten schwinden zu sehen. Viele Angehörige trauern innerlich um den Verlust von Gesundheit oder Autonomie ihres Familienmitglieds. Dazu kommen ständige Sorgen und Ängste um das Wohlergehen der Pflegebedürftigen. Das Gefühl von Hilflosigkeit und Überforderung schleicht sich ein, besonders wenn sich der Zustand des Angehörigen verschlechtert oder unvorhergesehene Situationen auftreten.
- Psychischer Druck und innere KonfliktePflegende möchten alles richtig machen und ihrem Angehörigen gerecht werden. Dabei entstehen oft Schuldgefühle – zum Beispiel wenn man trotz Erschöpfung mal an sich selbst denkt oder den Gedanken erwägt, den geliebten Menschen in professionelle Obhut (Pflegeheim) zu geben. Viele hadern mit sich, weil sie glauben, nie genug tun zu können. Diese inneren Konflikte können zu Selbstzweifeln und vermindertem Selbstwertgefühl führen.
- Isolation und soziale BelastungDurch die Pflege rund um die Uhr bleibt kaum Zeit für Freunde, Hobbys oder Erholung. Pflegende Angehörige berichten häufig von sozialer Isolation – man zieht sich zurück, weil spontane Treffen oder längere Ausflüge kaum mehr möglich sind. Nicht alle im Umfeld können nachvollziehen, was die Pflegeperson leistet, was zu einem Gefühl von Einsamkeit führen kann.
- Bürokratie und finanzielle SorgenZusätzlich zur eigentlichen Pflege belasten organisatorische Aufgaben – sei es der Umgang mit Pflegekassen, Anträgen und Behörden oder finanzielle Herausforderungen durch Pflegekosten. Dieser organisatorische Stress trägt weiter zur mentalen Ermüdung bei.
All diese Faktoren können sich summieren und schwere seelische Folgen nach sich ziehen. Studien zeigen, dass mehr als die Hälfte der pflegenden Angehörigen Anzeichen von Depressionen aufweist. Nicht selten fühlen sich Betroffene ausgebrannt und sehen keinen Ausweg mehr. Etwa jede vierte Pflegeperson gab in einer Umfrage 2023 an, sich hoch belastet zu fühlen und die Pflegesituation eigentlich nicht mehr bewältigen zu können.
Die Konsequenzen unbehandelter Überlastung sind erheblich: Chronischer Stress kann zu ernsten gesundheitlichen Problemen führen – von Herz-Kreislauf-Beschwerden und geschwächtem Immunsystem bis hin zu Angststörungen oder Burnout. Zudem kann die Pflegequalität leiden, wenn die pflegende Person völlig erschöpft ist. Im schlimmsten Fall gefährdet die dauerhafte Überforderung sowohl die eigene Gesundheit als auch die Versorgung des Angehörigen. Es ist daher entscheidend, frühzeitig gegenzusteuern und Strategien zur Entlastung zu nutzen – zum Wohle aller Beteiligten.
Warnsignale einer Überlastung erkennen
Um rechtzeitig reagieren zu können, sollten pflegende Angehörige achtsam auf Warnsignale im eigenen Befinden achten. Körper und Psyche senden oft klare Zeichen, wenn die Belastungsgrenze erreicht ist. Zu den häufigsten körperlichen Anzeichen zählen zum Beispiel:
- Ständige Erschöpfung und SchlafstörungenSie fühlen sich selbst nach ausreichend Schlaf nie richtig ausgeruht, oder Sie leiden unter Ein- und Durchschlafproblemen. Ungewöhnliche Müdigkeit am Tag kann ein Hinweis sein, dass die Daueranspannung Ihren Schlaf und Energiehaushalt stört.
- Verspannungen und SchmerzenAnhaltender Stress schlägt oft auf den Körper. Kopf-, Nacken- oder Rückenschmerzen, Muskelverspannungen sowie Magen-Darm-Beschwerden können stressbedingt auftreten. Manche entwickeln Hautprobleme oder sind häufiger anfällig für Infekte, weil das Immunsystem unter Dauerstress leidet.
- Herz-Kreislauf-SymptomeHerzklopfen, hoher Blutdruck oder Schwindelgefühle können ebenfalls Warnsignale sein, die aus Überlastung resultieren.
Neben den körperlichen Symptomen zeigen sich psychische Warnsignale einer Überforderung:
- Reizbarkeit, Nervosität und StimmungsschwankungenWenn Sie merken, dass Ihre Geduld dünn wird und Sie oft gereizt oder unruhig sind, kann dies am Dauerstress liegen. Stimmungstiefs, plötzliche Wut oder anhaltende Niedergeschlagenheit sind weitere Indikatoren.
- Konzentrations- und GedächtnisproblemeViele Überlastete klagen darüber, Dinge zu vergessen oder sich schlecht fokussieren zu können. Die Gedanken kreisen ständig um die Pflege, sodass Alltägliches schwerfällt.
- Gefühle von Hilflosigkeit und sozialem RückzugWenn Sie sich isoliert, einsam, ängstlich oder hoffnungslos fühlen, sollten die Alarmglocken schrillen. Auch der Verlust von Freude an früheren Aktivitäten oder Desinteresse am sozialen Leben sind ernstzunehmende Zeichen.
- Selbstzweifel und WertlosigkeitsgefühleEinige pflegende Angehörige entwickeln das Gefühl, nichts mehr richtig zu machen oder nicht gut genug zu sein – trotz ihrer aufopfernden Leistung. Solche negativen Gedanken können in eine Depression münden.
- Ungesunde BewältigungsversucheAchten Sie auch darauf, ob Sie zunehmend zu Beruhigungsmitteln, Schmerzmitteln, Alkohol oder Zigaretten greifen, um Stress auszuhalten. Ein steigender Konsum solcher Substanzen ist ein wichtiges Warnsignal.
Natürlich müssen diese Beschwerden nicht ausschließlich durch Überlastung entstehen – zum Beispiel kann ständige Müdigkeit auch körperliche Ursachen wie eine Schilddrüsenunterfunktion haben. Doch wenn Sie mehrere der genannten Anzeichen über längere Zeit bei sich beobachten, ist es wichtig gegenzusteuern. Ignorieren Sie die Signale nicht:
Sprechen Sie mit Ihrem Hausarzt oder Ihrer Hausärztin über Ihre Beschwerden. Es ist kein Zeichen von Schwäche, sich Hilfe zu holen – im Gegenteil, es zeigt Verantwortungsbewusstsein gegenüber der eigenen Gesundheit.
Selbstfürsorge: Eigene Bedürfnisse nicht vernachlässigen
Der erste Schritt, um emotionaler Überlastung entgegenzuwirken, ist eine bewusste Selbstfürsorge. So schwer es fällt: Vergessen Sie sich selbst nicht, während Sie für andere sorgen. Nur wenn es Ihnen selbst seelisch und körperlich gut geht, können Sie auf Dauer für Ihren Angehörigen da sein. Einige praktische Tipps zur Selbstfürsorge im Pflegealltag sind:
Regelmäßige Pausen einlegen
Planen Sie täglich feste kleine Auszeiten nur für sich selbst ein. Schon 15–30 Minuten pro Tag, in denen Sie etwas für Ihr eigenes Wohlbefinden tun, wirken Wunder. Trinken Sie z.B. in Ruhe eine Tasse Kaffee oder Tee am Fenster, lesen Sie ein Kapitel in einem Buch oder machen Sie einen kurzen Spaziergang. Diese Mini-Auszeiten laden Ihre Batterien wieder etwas auf.
Auf den Körper hören
Versuchen Sie, mehrmals am Tag in sich hineinzuspüren. Fragen Sie sich: Wie fühle ich mich gerade? Brauche ich eine Pause, Bewegung oder etwas zu essen? Ihr Körper sendet Signale, wenn er etwas braucht. Nehmen Sie diese Signale ernst und gönnen Sie sich ohne schlechtes Gewissen das, was nötig ist – sei es fünf Minuten Ruhe oder eine kurze Dehnübung für verspannte Muskeln.
Gesunder Lebensstil
Achten Sie auf ausreichend Schlaf, regelmäßige Mahlzeiten und möglichst ausgewogene Ernährung, auch wenn der Alltag hektisch ist. Der Körper braucht Nährstoffe und Erholung, um Stress standzuhalten. Verzichten Sie nach Möglichkeit darauf, Stress mit übermäßigem Koffein, Nikotin oder Alkohol zu begegnen – das bringt auf Dauer mehr Schaden als Nutzen.
Bewegung einbauen
Körperliche Aktivität hilft erwiesenermaßen, Stress abzubauen und die Stimmung zu heben. Sie müssen kein intensives Sportprogramm absolvieren – wichtig ist Regelmäßigkeit. Bereits ausgedehnte Spaziergänge, leichte Gymnastik, Yoga oder Radfahren ein paar Mal pro Woche können Ihre psychische und körperliche Widerstandskraft erhöhen. Finden Sie etwas, das Ihnen Spaß macht: vielleicht tanzen Sie gern zu Musik, arbeiten im Garten oder gehen schwimmen. Bewegung setzt Glückshormone frei und gibt neue Energie.
Entspannung üben
Nutzen Sie Entspannungstechniken, um dem Körper gezielt Erholung zu gönnen. Methoden wie Progressive Muskelentspannung, Meditation oder Atemübungen lassen sich oft gut in den Alltag integrieren. Zum Beispiel können schon ein paar Minuten Atemmeditation täglich helfen, den inneren Alarmzustand herunterzufahren. Gönnen Sie sich auch mal bewusst Nichts-tun, lauschen Sie Ihrer Lieblingsmusik oder nehmen Sie ein warmes Bad – alles, was Ihnen persönlich beim Abschalten hilft, ist erlaubt. Wichtig ist, frühzeitig kleine Entspannungspausen einzulegen, besonders wenn Sie erste Überlastungsanzeichen bemerken.
Achtsamkeitsrituale im Alltag
Kleine Rituale können Halt und Balance geben. Vielleicht genießen Sie jeden Morgen einen Kaffee oder Tee ganz bewusst, bevor der Tag beginnt. Oder Sie etablieren abends eine feste Routine wie einen kurzen Spaziergang mit dem Hund oder das Tagebuchschreiben. Solche Rituale strukturieren den Tag und geben Ihnen etwas, worauf Sie sich freuen können. Sie helfen, im Trubel des Pflegealltags kleine Momente der Normalität und Selbstbestimmung zu bewahren.
Schon kleine Schritte in Richtung Selbstfürsorge können einen Unterschied machen. Wichtig ist, dass Sie sie konsequent einplanen und als notwendigen Bestandteil Ihres Alltags betrachten, nicht als Luxus. Machen Sie sich bewusst: Sich um sich selbst zu kümmern ist kein Egoismus, sondern die Grundlage dafür, die Pflege weiter leisten zu können. Sie dürfen nur so viel geben, wie Sie selbst entbehren können, ohne daran zugrunde zu gehen.
Unterstützung annehmen: Sie müssen es nicht alleine schaffen
Viele pflegende Angehörige glauben, sie müssten alles allein bewältigen. Doch das ist ein Trugschluss, der in die Überforderung führt. Es ist keine Schwäche, Hilfe anzunehmen – im Gegenteil: Hilfe verschafft Ihnen Luft und schützt Ihre Gesundheit, damit Sie langfristig für Ihren Angehörigen da sein können. Scheuen Sie sich also nicht, Unterstützung zu organisieren und auch mal Aufgaben abzugeben.
Praktische Entlastungsmöglichkeiten gibt es viele:
Praktische Entlastungsmöglichkeiten gibt es viele:
- Familie, Freunde und Nachbarn einbeziehenÜberlegen Sie, wer in Ihrem Umfeld kleine Aufgaben übernehmen könnte. Vielleicht kann ein Verwandter einmal pro Woche für ein paar Stunden die Betreuung übernehmen oder ein Nachbar Besorgungen erledigen. Oft sind Menschen im Umfeld bereit zu helfen, wissen aber nicht genau, was gebraucht wird – hier hilft es, konkret um etwas zu bitten. Trauen Sie sich, ruhig auch mal „Nein“ zu sagen, wenn weitere Anforderungen an Sie herangetragen werden. Grenzen zu setzen, schützt Sie vor Überlastung.
- Ambulante Pflegedienste nutzenProfessionelle Pflegedienste können bestimmte Pflegeaufgaben übernehmen, sei es die Morgenhygiene, das Anziehen, die Medikamentengabe oder die Körperpflege Ihres Angehörigen. Auch hauswirtschaftliche Hilfe (Einkaufen, Putzen etc.) kann in Anspruch genommen werden. Durch solche Dienste gewinnen Sie wertvolle Zeit für sich selbst und entlasten sich körperlich. Informieren Sie sich bei Ihrer Pflegekasse, welche Leistungen übernommen werden – oft gibt es Anspruch auf solche Unterstützung, vor allem ab Pflegegrad 2 aufwärts.
- Tagespflege und KurzzeitpflegeViele Pflegekassen bieten Leistungen wie Tagespflege an, bei der der Pflegebedürftige tagsüber in einer Einrichtung betreut wird (z.B. werktags von morgens bis nachmittags). In dieser Zeit können Sie arbeiten gehen, eigene Termine wahrnehmen oder einfach ausruhen, während Ihr Angehöriger gut versorgt ist. Kurzzeitpflege ermöglicht es, den Pflegebedürftigen vorübergehend – etwa für einige Tage oder Wochen – stationär unterzubringen. Dies kann z.B. sinnvoll sein, wenn Sie Urlaub brauchen oder selbst erkranken. Nutzen Sie diese Angebote, um neue Kraft zu schöpfen, vor allem wenn Sie merken, „Ich kann nicht mehr.“ Ihr Angehöriger ist in der Zwischenzeit professionell betreut, und Sie können sich erholen ohne schlechtes Gewissen.
- VerhinderungspflegeÄhnlich wie Kurzzeitpflege ist die Verhinderungspflege eine Leistung, bei der die Pflegekasse Kosten übernimmt, wenn Sie als Hauptpflegeperson vorübergehend ausfallen oder eine Pause brauchen. Dann kann entweder ein Pflegedienst oder auch eine andere Privatperson die Pflege zu Hause übernehmen. Viele pflegende Angehörige nehmen diese Möglichkeit viel zu selten wahr. Beantragen Sie Verhinderungspflege, wenn Sie z.B. ein paar Tage Auszeit planen – es steht Ihnen zu und dient Ihrer Gesundheit.
- Ehrenamtliche Helfer und BesuchsdiensteIn vielen Gemeinden gibt es Organisationen oder Initiativen, die ehrenamtliche Helfer vermitteln. Diese besuchen Pflegebedürftige zu Hause, leisten Gesellschaft, lesen vor, gehen spazieren oder spielen etwas zusammen. Solche Besuchsdienste entlasten Sie als Angehörigen, weil Sie in dieser Zeit frei haben, und bereichern zugleich den Alltag Ihres Angehörigen durch neue Kontakte. Oft sind die Ehrenamtlichen geschult oder haben selbst einen Pflegekurs absolviert. Zögern Sie nicht, solche Angebote anzunehmen – sie schaffen Atempausen für Sie und Abwechslung für Ihren Angehörigen.
- Entlastungsbeträge und Kuren nutzenDie Pflegeversicherung stellt für pflegende Angehörige auch finanzielle Entlastungsbeträge (z.B. monatlich 125 € für Entlastungsleistungen) bereit, die Sie für Hilfen im Haushalt oder Betreuungsangebote einsetzen können. Informieren Sie sich, welche Leistungen Ihrer Pflegekasse Ihnen zustehen. Zudem gibt es die Möglichkeit spezieller Kuraufenthalte für pflegende Angehörige (z.B. über das Müttergenesungswerk oder die Rentenversicherung), um sich gesundheitlich zu erholen, wenn die Belastung zu groß wird. Solche Vorsorge- und Reha-Maßnahmen sind gerade dann wichtig, wenn Ihre eigene Gesundheit leidet.
Der wichtigste Punkt ist: Sie müssen nicht alles alleine stemmen. Es ist absolut in Ordnung und nötig, Hilfe von außen anzunehmen. Pflegestützpunkte (beratende Stellen in Kommunen und bei den Pflegekassen) können Sie umfassend dazu informieren, welche Hilfsangebote in Ihrer Region verfügbar sind. Nutzen Sie diese Beratungsmöglichkeiten – es gibt weitaus mehr Unterstützung, als viele ahnen. Das Entlasten Ihrer Pflegeroutine durch andere ist kein Versagen, sondern ein verantwortungsvoller Umgang mit Ihren Kräften, damit Sie langfristig für Ihre Lieben da sein können.
Austausch und professionelle Hilfe: Über Gefühle sprechen
Neben der praktischen Unterstützung ist auch der emotionale Rückhalt immens wichtig. Reden Sie über Ihre Gefühle, Ängste und Erfahrungen – denn Sie sind nicht allein mit diesen Herausforderungen. Austausch kann seelisch sehr entlastend sein, weil man sich verstanden und weniger isoliert fühlt. Folgende Möglichkeiten bieten sich an:
Angehörigengruppen und Selbsthilfegruppen:
In fast jeder Region gibt es Selbsthilfegruppen für pflegende Angehörige oder spezielle Angehörigengruppen (z.B. für Demenzkranke, Schlaganfallpatienten etc.). Dort treffen Sie auf Menschen, die in ähnlichen Situationen sind. Sie können Ihre Sorgen teilen, Tipps austauschen und einfach mal alles von der Seele reden, ohne sich erklären zu müssen. Viele Teilnehmer empfinden große Erleichterung, wenn sie merken: Die anderen verstehen mich genau. Eine Datenbank für solche Gruppen in Deutschland bietet z.B. die Nationale Kontaktstelle für Selbsthilfe (NAKOS). Auch Verbände wie die Deutsche Alzheimer Gesellschaft helfen, regionale Gruppen für bestimmte Erkrankungsbilder zu finden. Der Schritt, eine Gruppe zu besuchen, kostet vielleicht Überwindung – doch fast immer entstehen daraus wertvolle Kontakte und regelmäßige Anlaufstellen zum Reden.
Über Belastungen sprechen, aber ausgewogen
Natürlich können und sollen Sie auch mit Ihren vertrauten Freunden oder Familienmitgliedern offen über belastende Situationen sprechen. Es tut gut, sich alles von der Seele zu reden. Aber achten Sie darauf, sich nicht ausschließlich über Pflegeprobleme zu definieren. Wenn möglich, unternehmen Sie mit Freunden auch mal etwas, das nichts mit Pflege zu tun hat, um auf andere Gedanken zu kommen. Manche Freunde oder Partner wissen vielleicht nicht gut mit dem Pflegethema umzugehen – in solchen Fällen kann es helfen, bewusst andere Gesprächsthemen in den Vordergrund zu stellen, damit die Freundschaft Ihnen als Kraftquelle erhalten bleibt.
Tagebuch führen oder Schreiben
Manchmal hilft es, belastende Erlebnisse von der Seele zu schreiben. Ein Pflege-Tagebuch oder persönliche Notizen können Ihnen Klarheit über Ihre Gefühle verschaffen. Durch das Aufschreiben ordnen Sie die Gedanken, schaffen eine innere Distanz zum Geschehen und können besser verarbeiten. Auch Briefe (die Sie vielleicht nie absenden) oder E-Mails an eine vertraute Person zu schreiben, kann Druck aus dem Inneren nehmen.
Online-Beratung und Foren
Wenn Sie keine Gruppe vor Ort aufsuchen können oder möchten, gibt es digitale Angebote. Speziell für pflegende Angehörige existieren Online-Beratungen durch Psycholog*innen, wo Sie Ihre Situation schildern und schriftlich Rückmeldung erhalten können. Ein Beispiel ist das Portal pflegen-und-leben.de, das eine psychologische Online-Beratung für Pflegende anbietet. Auch in Internetforen oder sozialen Netzwerken gibt es Gruppen für pflegende Angehörige – der Austausch dort kann trösten, motivieren und praktische Tipps liefern. Achten Sie aber darauf, sich in seriösen Foren zu bewegen und ziehen Sie im Zweifel professionelle Beratung hinzu, wenn es um konkrete pflegerische oder medizinische Fragen geht.
Professionelle psychologische Hilfe
Zögern Sie nicht, therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn Sie merken, dass Sie alleine nicht mehr aus seelischen Tiefs herausfinden. Gespräche mit einem Psychotherapeuten oder einer Psychotherapeutin können enorm dabei helfen, die eigene Lage zu sortieren, Coping-Strategien zu entwickeln und Depressionen oder Angstzustände zu behandeln. Eine Psychotherapie ist kein Zeichen von „Verrücktheit“, sondern ein Weg, Ihre seelische Gesundheit zu erhalten – ähnlich wie man bei körperlichen Schmerzen zum Arzt geht. Sprechen Sie Ihren Hausarzt darauf an oder nutzen Sie die Informationen der Bundespsychotherapeutenkammer („Wege zur Psychotherapie“) sowie die Arztsuche (116117), um Therapeut*innen in Ihrer Nähe zu finden. Für eine erste Beratung ist nicht einmal eine Überweisung nötig. Viele Therapeuten kennen die Problematik von pflegenden Angehörigen gut und können gezielt helfen, z.B. im Umgang mit Schuldgefühlen oder in Stressbewältigung.
Insgesamt gilt: Scheuen Sie sich nicht, Hilfe zu suchen – ob es nun das offene Ohr eines Freundes, der Rat in einer Gruppe oder professionelle Unterstützung ist. Je früher Sie über Ihre seelische Belastung sprechen, desto besser lassen sich ernste Krisen abwenden.
Umgang mit schwierigen Gefühlen: Geduld, Perspektivwechsel und Schuldgefühle
Im Pflegealltag kommen neben Stress auch immer wieder schwierige Emotionen hoch. Man ist schließlich nicht nur Pfleger/in, sondern auch Mensch mit eigenen Gefühlen. Zwei Herausforderungen sind besonders typisch: Ungeduld oder Gereiztheit im Umgang mit dem Pflegebedürftigen und Schuldgefühle gegenüber sich selbst oder dem Angehörigen. Wie kann man damit umgehen?
1. Wenn Geduld und Nerven schwinden
Gerade bei langer Pflege oder bei bestimmten Krankheitsbildern (z.B. Demenz) kann es passieren, dass man als Pflegender ungeduldig, gereizt oder sogar wütend auf den geliebten Menschen reagiert – und sich danach schämt. Hier kann es helfen, einen Perspektivwechsel vorzunehmen. Versuchen Sie, die Situation mit den Augen der pflegebedürftigen Person zu sehen. Stellen Sie sich Fragen wie: “Was würde ich fühlen, wenn ich ständig Hilfe bei allem bräuchte – wäre ich da nicht auch frustriert?” oder “Wie ginge es mir, wenn ich Durst hätte und mich nicht verständigen könnte?”. Solch ein gedanklicher Perspektivwechsel vergrößert das Verständnis für Ihr Gegenüber. Man erkennt, dass der Pflegebedürftige nicht absichtlich schwierig ist, sondern selbst in einer hilflosen Lage steckt. Dieses Verständnis kann Ihnen helfen, ruhiger und mit mehr Mitgefühl zu reagieren, wenn wieder etwas nicht auf Anhieb klappt. Tipp: Wenn Sie merken, dass Ihre Anspannung überhandnimmt, ist es absolut in Ordnung, kurz aus der Situation zu gehen (soweit möglich). Atmen Sie tief durch, zählen Sie langsam von 10 rückwärts oder trinken Sie in Ruhe ein Glas Wasser. Solche Atempausen verhindern, dass aus Ärger unkontrollierte Aggression wird, und ermöglichen es Ihnen, danach gefasster zurückzukehren. Sollte doch einmal ein harsches Wort fallen, verzeihen Sie sich selbst – Sie sind auch nur ein Mensch. Versuchen Sie anschließend, ruhig mit Ihrem Angehörigen zu reden oder ihm zu zeigen, dass Sie weiterhin für ihn da sind. Oft spüren auch Pflegebedürftige die angespannte Stimmung und sind danach ebenso erleichtert über Versöhnung.
2. Umgang mit Schuldgefühlen
Schuld ist ein ständiger Begleiter vieler pflegender Angehöriger. Man fühlt sich schuldig, wenn man mal keine Geduld hatte, wenn man erschöpft ist, wenn man Zeit für sich selbst möchte oder gar über externe Pflege nachdenkt. Machen Sie sich bewusst: Schuldgefühle sind menschlich, aber meist unbegründet. Sie geben bereits Ihr Bestes. Perfektion ist im Pflegealltag weder möglich noch erforderlich. Erinnern Sie sich daran, dass niemand 24/7 ohne Pause leisten kann. Sich Pausen zu nehmen oder Hilfe zu holen, bedeutet nicht, dass Sie versagen – im Gegenteil, es zeigt, dass Ihnen sowohl Ihr Angehöriger als auch Sie selbst wichtig sind. Versuchen Sie, Selbstmitgefühl zu entwickeln: Behandeln Sie sich in Gedanken so, wie Sie eine gute Freundin oder einen guten Freund behandeln würden, der in Ihrer Lage ist. Wahrscheinlich hätten Sie viel Verständnis und würden dieser Person raten, gut auf sich zu achten – schenken Sie sich selbst dieselbe Freundlichkeit. Falls das schlechte Gewissen dennoch nagt, kann das Gespräch mit anderen Pflegenden oder einem Therapeuten helfen, die Gefühle einzuordnen. Viele stellen erleichtert fest, dass alle Pflegenden solche Gedanken kennen und dass es okay ist, auch einmal nein zu sagen oder Grenzen zu ziehen.
Zum Umgang mit Schuld gehört auch, realistisch zu bleiben: Nicht jede Verschlechterung des Gesundheitszustands Ihres Angehörigen können Sie verhindern, und nicht jeder schlechte Tag liegt in Ihrer Verantwortung. Krankheit verläuft oft unberechenbar. Sie können nur tun, was in Ihrer Macht steht – mehr nicht. Diese Erkenntnis kann helfen, die übermäßige Verantwortungslast von Ihren Schultern etwas zu nehmen.
Fazit: Sie sind nicht allein – sorgen Sie gut für sich selbst
Die Pflege eines nahestehenden Menschen ist ein Balanceakt zwischen Fürsorge und Selbstfürsorge. Emotionaler Stress und Belastungsspitzen gehören leider zum Pflegealltag, aber Sie können lernen, besser damit umzugehen. Wichtig ist, die Warnsignale von Körper und Seele ernst zu nehmen und frühzeitig Hilfsangebote zu nutzen, statt still und alleine zu leiden. Machen Sie sich immer wieder klar: Sie sind mit diesen Gefühlen und Herausforderungen nicht allein – Millionen andere pflegende Angehörige stehen Ähnliches durch. Es gibt ein Netzwerk aus Beratungsstellen, Gruppen und professionellen Diensten, das Sie unterstützen will.
Abschließend möchten wir Ihnen Mut machen, eigene Bedürfnisse nicht zu vergessen. Ihre Gesundheit und Ihr Wohlergehen sind kein Luxus, sondern die Basis dafür, dass Sie weiterhin für Ihren Angehörigen da sein können. Indem Sie gut für sich selbst sorgen, sorgen Sie letztlich auch besser für den geliebten Menschen. Nehmen Sie Hilfe an, gönnen Sie sich Pausen und sprechen Sie über Ihre Emotionen – das alles sind Zeichen von Stärke und Besonnenheit.
Sollte die seelische Belastung dennoch einmal zu erdrückend werden, zögern Sie nicht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. In akuten Krisen können Sie beispielsweise jederzeit anonym bei der TelefonSeelsorge (0800 111 0 111) Hilfe finden. Sie haben Großartiges geleistet und leisten es täglich – vergessen Sie dabei nicht, dass auch Ihre eigene Lebensqualität zählt. Mit Empathie für sich selbst, guter Planung und dem Mut, Unterstützung zu suchen, werden Sie den Pflegealltag besser meistern. Sie und Ihre Angehörigen haben es verdient. Bleiben Sie achtsam und passen Sie auf sich auf!
Textquellen:
Healthy Bund (gesund.bund.de) – Psychische und körperliche Belastung bei pflegenden Angehörigen -> gesund.bund.de
AOK Magazin – Pflege von Angehörigen: sich selbst nicht verlieren -> aok.de
Ratgeber pflegeantrag.de – Psychische Belastung und Entlastung pflegender Angehöriger -> pflegeantrag.de
Careship Ratgeber – Die Kunst der Selbstfürsorge für pflegende Angehörige -> careship.de.
Bildquellen:
Die Bilder stammen teils von ChatGPT und teils von Unsplash.
Foto von: Priscilla Du Preez (auf Unsplash)
Foto von: Gaelle Marcel (auf Unsplash)
Foto von: Natalia Sobolivska (auf Unsplash)
Hinweis: Einige der genannten Links können sogenannte Affiliate-Links sein. Wenn Sie über einen solchen Link ein Angebot nutzen, erhalten wir ggf. eine kleine Provision – für Sie entstehen dabei keine zusätzlichen Kosten.